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Wie restauriert man einen ›festen Rücken‹?

In der letzten Zeit entnimmt man den an die Öffentlichkeit tretenden buchrestaurierenden Kolleginnen und Kollegen einen bemerkenswerten Wandel: Er betrifft die Restaurierung eines Einbandes, welcher mit dem sogenannten ›festen Rücken‹ konstruiert wurde. Zur Erklärung: fester Rücken besagt, daß das Rückenteil des Einbandes fest mit dem Buchrücken, genauer: Rücken des Buchkörpers (grundsätzlich besteht ein Buch aus der Vereinigung des Buchkörpers und des Einbandes), verbunden ist. Für den konstruktiven Rückenunterschied siehe Thumbnail links. (Klick ins Bild schaltet die Vergrößerung ein und aus)

Bucheinband Nomenklatur, Einbandteile

Bereits hier können wir festhalten, daß der feste Rücken offenkundig ein Material voraussetzt, welches auch im langen Gebrauch so flexibel bleibt, daß es der das Lesen eines Buches nach sich ziehende Bewegung des Buchrückens von konvex nach flach bis konkav folgt. Das traditionelle Material ist Leder. Zwar wurde hie und da auch Gewebe gesehen und sogar Pergament, doch gerade dieses zeigt alsbald das bekannte Schadensbild: entweder haftet es dermaßen fest auf dem Buchrücken, daß ein Öffnen des Bandes nicht möglich ist, oder diese Verbindung platzte bereits unter den gewaltsam öffnenden Händen großflächig ab (was freilich nicht bedeutet, daß das Buch nicht benutzt werden kann).

Eine allgemeine Regel, wann eine solche Rückenkonstruktion restauriert werden muß, läßt sich nur bedingt aufstellen, meistens handelt es sich um einen Teilschaden, sofern man unter ›Schaden‹ die Gesamtheit von nicht mehr funktionstüchtigen Bestandteilen eines Buches meint. Ein Beispiel mag es verdeutlichen: die gerissenen Gelenke bei einem durchweg noch funktionierenden Rücken zu restaurieren bedeutet, daß man das Leder des neuen Gelenks sowohl unter das Rücken- wie auch Deckelleder führt. Dies setzt voraus, daß der (feste) Rücken ausreichend weit gehoben wurde, wobei ›weit‹ insofern relativ ist, als hier sowohl die Dimensionen des Buches, wie aber auch die Lederqualität und der Ausschnitt aus dem Ledernutzen ihre jeweilige Rolle spielen. Wird das Leder in der Länge quer zu seiner natürlichen Laufrichtung (grob entlang der Rippen) herausgeschnitten, dann sollten die Fasern, welche die Gelenkbewegung ausführen, hinreichend lang sein, denn schließlich erwarten wir, daß sie die Bewegungsenergie dämpfen indem sie sie aufnehmen. Kurz, die Entfernung des kompletten Rückens stellt sich nicht selten ein.

Der nunmehr entfernte Rücken zieht in den meisten Fällen nach sich, daß die Gelenkreparatur, vorausgesetzt der Rücken war nicht anderweitig beschädigt (und der Band nicht ungewöhnlich dick), in einem Stück, das von dem einen Deckel über den gesamten Rücken auf den anderen greift, ausgeführt wird. Selbstverständlich unter einer ›festen‹ Verbindung, sprich: Verklebung, mit dem Rücken des Buchkörpers. Nach bis in die heutigen Tage geltender Arbeitsweise würde man anschließend den zuvor entfernten Rücken auf den darunter liegenden neuen abermals montieren. Hieraus ist unschwer ersichtlich, daß der Rücken des Bandes nach einer solcherart ausgeführten Restaurierung eines ›festen Rückens‹ eigentlich aus zwei Rückenbezügen besteht. Nicht jedoch die Gelenke. Genauso einleuchtend ist die Befürchtung, daß ein solcher Rücken vermutlich kaum die Flexibilität zeitigen mag, die zum kommoden Lesen unerläßlich ist. Es ist vermutlich diese Sorge, die den angesprochenen Bewußtseins- und damit Arbeitswandel — etwa in der umgekehrten Reihenfolge? —, auslöste.

Rücken neu eingeledert

Was geschieht? Die aktuellsten Präsentationen zeigen, daß der ursprünglich ›feste Rücken‹ durch den hohlen mittels einer Hülse ersetzt werde. Eine Hülse wird aus Papier so zusammen gefaltet und geklebt, daß sie — flach gestrichen — einerseits den Buchrücken bedeckt, andererseits innerlich auf dem Rückenteil des Einbandes klebt, beim Öffnen des Buches geht die im geschlossenen Zustand flache Hülse röhrenartig auf.
Eine Begründung dieser wesentlichen Änderung der ursprünglichen Buchkonstruktion und zwar durch eine solche Restaurierung läuft, wenn überhaupt vorgelegt, auf die schlichte Feststellung hinaus, so sei es besser. Nach der hier vertretenen Ansicht würden dadurch zwei Ziele der Buchrestaurierung verfehlt:
a) das ethische Gebot zur Wahrung der Originalsubstanz;
b) das Bestreben, die eigene Handwerklichkeit auf dem höchst erreichbaren Niveau auszuführen.

Hülse, Rückenhülse

Wie wenig Diskussion es bedarf sich klarzumachen, daß die Änderung der Konstruktion in einem wesentlichen, da unmittelbar den Bindungsstil unterscheidenden Merkmal, in der Tat einer Wahrung der Originalsubstanz Hohn spricht, um so ausführlicher mag es ausfallen, wenn man den Beweis antritt, daß eine sorgfältig gepflegte Handwerklichkeit solche Konstruktionsänderung obsolet machen kann. Das setzt freilich ein detailgenaues Wissen um den Rücken eines Buches voraus. Die primäre, erkenntnisleitende Frage lautet: Welche Ursachen bewirken sein schwieriges (bis kaum mögliches) Öffnen? Beziehungsweise spezifischer: wodurch trug der einstige Buchbinder zu diesem, übrigens gar nicht so seltenem Umstand bei?
Zum einen ist es hier die Wahl und vor allem Verarbeitung des Leders, zum anderen jedoch die Bearbeitung des Buchkörperrückens. Hier ist es die Heftung, Beleimung, das Abpressen und Hinterkleben, dort die unreflektierte Weise des Einlederns: zu naß (Leder mit Wasser traktiert wird anschließend härter), zu viel und zu oft gekleistert, wodurch die Lederfasern in eine unnötige Tiefe verklebt werden, was wiederum die wichtigste Materialeigenschaft, die Biegsamkeit, beinträchtigt. Zur Rückensteifheit führende Heftungsursachen: Wahl des Bundmaterials, Heftarten, welche in der Konsequenz die Bünde dermaßen fest machen, so daß sie wie Klammern die Rückenrundung halten, lassen sie nachträglich nicht korrigieren, eine andere Ursache, die Beleimung, schon. Allzuoft sieht man, daß der Leim nicht nur die Rillen zwischen den einzelnen Lagen füllt (und dadurch die jeweiligen äußeren Bögen entlang der Falzkante aneinanderhält), sondern daß ›tüchtig‹ abgeleimt wurde. Es ist diese äußere Leimschicht, die den Rücken nicht bloß unnötig versteift, sie stellt vielmehr ein sprödes Medium dar, welches die Weitergabe der Bewegung der Buchblätter an das flexible Fasergefüge des Rückenleders behindert.

Buchrücken Hinterklebung

Die Untersuchung der Rückenbeleimung ist selbstverständlich bei jeder Rückenabnahme und sowohl zur Rekonditionierung als auch zur Abnahme des überflüssigen Leims empfiehlt sich Kleister relativ dicker Konsistenz. Der Kleister soll durch seine allmähliche Feuchtigkeitsabgabe die Leimschicht soweit erweichen, daß sie sich mechanisch abtragen läßt. Dazu wird das Buch mit dem Vorderschnitt nach unten in geeignete Vorrichtung gespannt und der Kleister, dessen steife Konsistenz auch sein Einsickern in mögliche Leimbrüche verhindern soll, großzügig auf den Rücken appliziert. Die Kleisterschichtdicke sorgt dafür, daß es keinen neuen Klebstoffilm gibt und daß genügend Feuchtigkeit vorhanden ist um während der Applikation allenfalls eine leicht entfernbare Haut zu bilden. Nach nicht zu knapper Wirkzeit werden mit einem geeignet zugeschnitztem Holzpachtel (Falzbein) sowohl der Kleister als auch die erweichte Leimschicht entfernt. Meistens sind mehrere Anläufe notwendig bis das Gewünschte, der erstbeleimte und sorgfältig abgeriebene Rücken vorkommt. Besondere Sorgfalt lasse man den Stellen zukommen, wo die Heftfäden aus den Lagen austreten und um den Bund geschlungen werden.

korrekte Rückenbeleimung

In den meisten Fällen ist man mit verschiedenen Hinterklebungen konfrontiert, klassisch sind die bis auf die Deckel reichenden Pergament- oder Gewebestreifen, welche zusätzlich ihren Gelenkfalz, genauer: den Innenfalz, stützen. Handelt es sich um verhärtetes Material, das die Rückenbewegung (mit-)ursächlich hindert, sollte ihre Enfernung ernsthaft in Betracht gezogen werden. Für die unbedingt zu haltende Innenfalzstütze reicht es voll aus, wenn diese Streifen ab etwa der drittersten und -letzten Lage im Rücken verklebt bleiben, die Übergänge sind dabei freilich auslaufend auszuschärfen. Vielfach können solche Streifen, vor allem die aus Pergament, erhalten bleiben, wenn man sie von zuviel Leim befreite.
Ist der Rücken des Buchkörpers geschmeidig gemacht, wenden wir uns seinem Bezugsmaterial, dem urprünglichen, nunmehr demontierten Rücken, zu. Logischerweise lautet auch hier das Ziel, eine möglichst große Flexibilität zu erreichen. Dazu wird das Rückenleder sorgfältig untersucht: weist es oberflächliche Leimverkrustungen, Reste von Hinterklebungen, auf? Solche sollten nur mechanisch (Skalpell, rotierende Schleifkörper) entfernt werden. Mitunter ist es sinnvoll das Rückenleder großflächig dünner zu machen, etwaige Stabilitätsüberlegungen plagen wegen der beabsichtigten Montage auf einem neuen Buchrücken nicht. Die oft stattgefundene Austrocknung des Leders und die damit einhergehende Sprödigkeit kann temporär im Klimaschrank, für eine längere Zeit durch eine leichte Applikation von Glyzerin auf die Fleischseite gemindert werden.

Originalrücken gereinigt, Leimreste entfernt

Aber auch der neue Rücken, der zugleich der Träger des alten werden soll, verlangt eine dementsprechende Zurichtung. Es ist zunächst seine Auswahl, war das Original glatt, so bleibt zur Wahl Schaf oder Kalb, doch Schafsleder in bester Qualität zu bekommen ist schwieriger geworden, daher wird in dieser Werkstatt anilin gefärbtes Kalb englischer Provenienz bevorzugt. Die alaungegerbten Schweinslederbände hat man hie und mit alaungegerbter, daher weißer Ziege restauriert, jetzt sind die Bezugsbedingungen für das nicht ersetzbare Schweinsleder wieder besser geworden.
Die Bandgröße ist der Anhaltspunkt im Hinblick auf die zu wählende Lederdicke, aber die üblicherweise gelieferten (>1,1 mm) sind für den angestrebten Zweck eindeutig zu viel, maximal 0,9 mm sind völlig ausreichend, bei Bändchen bis 0,6 mm. Für den Ausschnitt des Nutzens beachtet man auch die Form der erhabenen Bünde, sind sie imposant, so geht das Einledern deutlich leichter vonstatten, wenn man quer zu den Hauptrippen auschneidet, mit dem Nachteil, daß der Rücken keineswegs so flexibel ist, wie wenn man parallel zu ihnen ausgeschnitten hätte; der ansonsten bevorzugte Ausschnitt. Das Ribbeln des Ledernutzens und sein umsichtiges Ausschärfen verstehen sich von selbst. Wenn nicht bereits vorher gelöst, so muß spätestens jetzt entschieden werden, wie die Behandlung der etwaigen Streifen der bestochenen Kapitale geschieht. Sind sie in Ordnung (nicht verhärtet) und reichen bis auf die Deckel hinüber, so wird dieser Deckelübergang studiert um zu entscheiden, ob sie beibehalten werden — was nach sich zieht, daß die Ledereinschläge genau dort angeschnitten werden müssen, was wiederum deshalb vom Nachteil ist, weil es sich um die im Gebrauch meist strapazierte Zone handelt, die damit willkürlich geschwächt werde —, oder doch zu entfernen sein. In diesem Fall vermag das bestochene Kapital bleiben, ob man dann mit einer in die Ledereinschläge an den Kapitalen eingelegten Hanfschnüre eine Verstärkung einbaut, ist strittig. Da in dieser Werkstatt weniger als buchbinderisch üblich geschärft wird, wird es hier nur dann gemacht, wenn die ursprünglichen Deckelfalzkanten zu üppig an den Kapitalen abgeschrägt wurden und dadurch große Distanzen zu überbrücken sind.

Der neue Rücken muß entsprechend der vorhandenen Bünde vorgeformt werden. Ihren Maßen nach werden Holzleistchen zugeschnitzt, an markierte Stellen, die zuvor gefeuchtet wurden, aufgesetzt und über Nacht in eine Moosgummizulage gepresst. Vor dem Einledern wird sowohl der Ledernutzen wie auch der Buchkörperrücken eingekleistert, das Leder im ersten Schritt mit einer Kleisterschicht, die die Fleischseite abdichtet, danach der Buchkörperücken — sorgfältigst an den Übergangen Bund-Bundfeld —, zuletzt das Leder (zum zweiten Mal). Eingeledert wird so rasch, daß der Kleister nicht wegtrocknet und in einem Zug gleich mit den Einschlägen. Da nur unter der Feuchtigkeit des nicht übermäßig viel aufgetragenen Kleisters gearbeitet wird, ist die Zeit für das händische Abformen der Bünde naturgemäß knapp und auch deshalb werden sie vorher herausgearbeitet. Es wird indes angestrebt, daß die formhaltende Haftung auf dem Buchkörperrücken dadurch erreicht werde, daß die Trocknung unter einem steten Formdruck geschehe. Dazu eignen sich die heute so verbreiteten "Stretch-Folien", mit welchen der Band so bandagiert werden kann, daß ein gezielter Preßdruck so auf die Bundfelder ausgeübt werde, daß die Bünde unter dem formfolgenden Druck allmählich gleichsam 'herauskommen'. Der weitere Vorzug dieser Folien-Bandagierung zeigt sich darin, daß der Rücken relativ lange eine gewisse Feuchtigkeit behält, denn diese soll er noch haben, wenn das erste Öffnen des Bandes mit dem Zweck geschieht, die äußeren Fälze auf die Dauer zu 'setzen', meint: beim Öffnen mit Finger(-n) und Falzbein die Linie herauszubilden helfen, die künftig das eigentliche Gelenk wird. Diese Handgriffe, welche die Form suchen und zugleich setzen, werden ausgeübt, während sich der Deckel steigend in einem Winkel zwischen 15° bis 120° befindet. Bei etwa 180° mag man die sich auch von innen her zeigende Gelenkfalte durch leichte Schläge 'schärfer' definieren. Wie abträglich es wäre zu diesem Zeitpunkt den Band öffnen zu wollen, so mag es nach der mit einer Aushärtung einhergehenden Durchtrocknung müheloser gehen, wenn man bereits jetzt den geschlossenen Band am Rücken in die Rundungskurve mit der Hand preßt und wieder losläßt. Die Absicht dabei ist die, daß sich die während der Trocknung auch schrumpfenden Materialfasern lockerer an- und ineinanderfügen (analog zu der im Wind trocknenden Wäsche).

Ledernutzen, erhabene Bünde herausarbeiten

In der letzten Etappe wird der alte Rücken montiert. Da es sich um eine weitere Materialschicht auf der Oberfläche des Einbandes handelt, die auch der Biegebewegung des Buchrückens folgen soll, sind zwei Faktoren für den Erfolg entscheidend: einwandfreie Ausschärfung der Übergänge, hinreichend feste, dennoch nicht zu harte Klebung. Weil Kunstharze bisjetzt ausgeschlossen sind, verbleibt nur der Kleister (frisch gekocht! Weizenstärke), wobei auch hier ein beiderseitiger Auftrag bevorzugt wird. Den ziemlich festen Kleister mag man noch zusätzlich entwässern und massiert ihn zuerst mit den Fingern in den bereits gemachten Rücken ein, welcher nur dann zuvor aufgerauht wird, wenn wir beim Wassertest merkten, daß ein Tröpfchen nicht begierig aufgesaugt wurde. Ob der aufzumontierende Rücken ebenfalls mit den Fingern oder per Abklatsch (Glasscheibe gleichmäßig einkleistern, Rücken darauf legen, sanft andrücken und vorsichtig abheben) gekleistert wird, entscheidet dessen mechanische Festigkeit. Trotz aller Umsicht läßt sich manchmal nicht verhindern, daß das alte Leder durch die zugeführte Feuchtigkeit partiell nachdunkelt, vorzüglich beim Schaf und Kalb. Besteht solche Befürchtung, so ist man versucht der möglichen Fleckenbildung (vgl. die mitunter scharfen Ränder der Wasserflecke im Papier) dadurch zu begegnen, daß man gezielt feuchter arbeitet und dabei die Vorstellung hegt, wenn schon nachdunkeln, dann gleichmäßig. Weil es selten befriedigend gelingt und obendrein darunter die Verzierung leiden kann, scheint es sinnvoller, daß man die entstehende Feuchtigkeit minimiert. Gute Übung im Umgang mit Kleister vorausgesetzt, kann man ihn, vor allem in den Randzonen, nur einseitig auf den bereits bezogenen Rücken auftragen und einen möglichst späten Zeitpunkt der Kontaktaufnahme anstreben. In diesem Fall muß besonders zügig und präzise bandagiert werden. Auch wenn das alaungegegerbte Schwein weniger zu solchen Verdunkelung neigt und man daher mit dem beiderseitigen Kleisterauftrag arbeiten kann, empfiehlt es sich, die erste Bandagierung mit der ›Strech-Folie‹ nach ca. einer halben Stunde zu öffnen, die Klebung examinieren und den Rücken dabei ablüften lassen. Hernach kann die Folie durch einen Gewebeband ersetzt und gegebenenfalls an den Bünden abgeschnürt werden.

Diese Trockung unter formhaltendem Preßdruck kann länger als bei dem ersten Rückeneinledern währen, die Fälze wurden ja schon gesetzt. War die Rückenlockerung nach dem ersten Einledern geboten, so ist sie nunmehr Pflicht. Zu welcher ebenfalls das sorgfältig etappenweise ausgeführte Öffnen gehört. Damit ist gemeint, daß zunächst der Band mit nur teils geöffneten Deckeln (sie bilden ein ›V‹) von hinten nach vorne und umgekehrt durchgeblättert werde. Die den Rücken haltende Hand spürt deutlich, welche Kräfte sich hier bemerkbar machen und hilft entsprechend nach. Hernach werden die Deckel weiter geöffnet und die Operation wiederholt, bis man das Buch schließlich im flachliegenden Zustand auf die Weise durchgeblättert hat. Sollten sich dabei kleinere Hohlstellen zeigen, so kann man mit einer Injektion etwas Kleister hinein befördern. Hernach muß der Rücken allerdings abermals unter Preßdruck trocknen (und das geschilderte Öffnen wiederholt werden).
Abschließend eine Warnung vor dem scheinbar einfacheren Weg der Rückenbefestigung mittels einer Hülse. Grundsätzlich gilt, daß die dynamische Geometrie und die Wirkung der Kräfte bei einem hohlen Rücken (gehülst oder nicht) eine andere als beim festen schon deswegen gegeben ist, weil sich der Einbandrücken nicht mit dem, sondern gegen den Rücken des Buchkörpers wölbt. Die auftretenden Kräfte werden in die Zone der Verbindung — in die Fälze — abgeführt. Das zieht ihre zusätzliche Belastung im Gebrauch nach sich. Eine Hülse aus Papier oder Gewebe klebt einerseits auf dem Buchkörperrücken, andererseits auf der inneren Seite des Einbandrückens. Wie jegliche Beklebung bewirkt auch sie eine Versteifung der entsprechenden Teile. Im schlimmsten Fall wird der Einbandrücken zu einer U-Klammer, die sich bis zu Flachwerdung des Buchkörperrückens öffnet um nach der Überwindung dieses Punktes der größten geraden Entfernung beider Fälze gleichsam einer Feder den Buchkörperrücken in eine Gegenwölbung zu treiben (Sprungrücken). Nicht bloß, daß dafür das Buch nicht besonders präpariert wurde, schwerer wiegt, daß damit auch die Hülse in der Faltung besonders in der Weise beansprucht wird, für die sie nie reichen kann.

Aufschlagen des Buches mit montiertem Rücken